Posterous theme by Cory Watilo

Filed under: literatur

Kurz zu Helene Hegemann und der heutigen Literatur

Helene Hegemann, 17, wird als Wunderkind der deutschen Literaturszene gefeiert. Gestern habe ich mir einige Rezensionen zu ihrem Erstlingswerk "Axolotl Roadkill" angeschaut und muss sagen, ich bewundere, wie sie mit so jungen Jahren ihre Karriere aufbaut. Dazu habe ich gestern eine Leseprobe aus eben jenem Roman gelesen - und dieser ließ sich mir die Nackenhaare aufstellen.

Wenn man Sätze liest wie "Um 8 Uhr 10 steht Lars gemeinsam mit seinem zweijährigen Scheißblag und einer unübertrefflichen Erwartungshaltung in unserem Wohnungsflur." oder "Als Lars, unser Nachbar, Graphikdesign in London studiert hat, fotographierte er im Rahmen des Projekts Intimacy Muscheln von innen und begründete diese zugegebenermaßen beschissene Idee damit, dass der Innenraum einer Muschel viel mit der Anatomie und dem Muskelaufbau des Menschen zu tun habe und so.", will man nur den Kopf schütteln. [Abgesehen davon, dass eventuell einige Teile von anderen Quellen 'inspirert' sind.]

Generell bewerte ich niemanden danach, wie sich die Leseprobe liest. Doch genau das, was ich an der heutigen Literatur vermisse, nämlich literarische Qualität, Tiefgründigkeit und eindeutige Botschafen, lässt sich in ihrem Werk - zumindest in der angeboten Leseprobe - nicht erkennen. Natürlich, das Niveau ihrer Sprache ist über der eines normalen Teenagers, aber mit dem Versuch, die kotzige Sprache einer 16-Jährigen zu imitieren, hat sie sich meiner Meinung nach kein Gefallen getan. Ich mag Bücher, die mit dem Protagonisten wachsen; da fällt mir "Das Porträt des Künstlers als junger Mann" auf der Stelle ein. Aber zumindest in der Leseprobe wächst einfach nichts.

Während ich diese verbalen Ergüsse verdauen muss, sitzen andere junge Autoren, einige davon haben sich in der gleichnamigen SchülerVZ-Gruppe "Junge Autoren" zusammengetan, an ihren Werken, in denen es um Essentielleres geht, als einen Vollrausch oder Sex im Auto. Es sind Gedichte, Romane und Kurzgeschichten. Es geht um den Sinn des Lebens, die eigene Identität und viele andere Dinge. Ich selbst schreibe auch, wie ihr sicherlich bemerkt habt. Nur wenig davon ist veröffentlicht. Ich finde es ziemlich schade, dass die Mainstream-Welt heute Skandalbücher will, während die Klassiker in einer hinteren Ecke der Buchhandlungen vor sich hinstauben.

Ich habe den wahnsinnigen Erfolg von "Feuchtgebiete" nie verstanden. Oder den von Dan Brown. Oder Stephanie Meyer.

Die deutschen Märchen

edenfalls haben scheinbar urdeutsche Märchen wie Dornröschen , Der gestiefelte Kater , Rotkäppchen , Aschenputtel oder Hänsel und Gretel allesamt französische Vorbilder. Was wiederum nicht heißt, sie wären »urfranzösisch«. Die Überlieferungswege liegen meist im Dunklen, manche führen zurück bis in die Antike, andere nach Persien, von da nach Indien.

Literaturgeschichte für zwischendurch: ZEIT-Artikel zum Ursprung der "deutschen" Märchen anlässlich des 150. Todestages von Wilhelm Grimm am morgigen Mittwoch. Und wir wurden unsere Märchen zu dem, was sie heute sind?

Marcel Proust: Literatur und Kunst

„Das wahre Leben, das endlich entdeckte und erhellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben ist die Literatur: jenes Leben, das in gewissem Sinn jederzeit allen Menschen so gut wie dem Künstler innewohnt. Sie sehen es aber nicht, weil sie es nicht zu erhellen versuchen. Infolgedessen ist ihre Vergangenheit von unzähligen Photonegativen angefüllt, die ganz ungenutzt bleiben, da der Verstand sie nicht „entwickelt“ hat. Unser Leben; und auch das Leben der anderen; denn der Stil ist für den Schriftsteller wie die Farbe für den Maler nicht eine Frage der Technik, sondern der Anschauung. Er bedeutete die durch direkte und bewußte MIttel unmöglich zu erlangende Offenbarung der qualitativen Verschiedenheit der Weise, wie uns die Welt erscheint, einer Verschiedenheit, de ohne die Kunst das ewige Geheimnis jedes einzelnen bliebe. Durch die Kunst nur vermögen wir aus uns herauszutreten und uns bewußt zu werden, wie ein anderer das Universum sieht, das für ihn nicht das gleiche ist wie für uns und dessen Landschaften uns sonst ebenso unbekannt geblieben wären wie die, die es möglicherweise auf dem Mond gibt. Dank der Kunst sehen wir nicht nur eine einzige Welt, nämlich die unsere, sondern eine Vielzahl von Welten; so viele wahre Künstler es gibt, so viele Welten stehen uns offen: eine von der anderen stärker verschieden als jene, die im Universum kreisen, senden sie uns Jahrhunderte noch, nachdem der Fokus erloschen ist, von dem es ausging, ob er nun Rembrandt oder Vermeer hieß, ihr spezifisches Licht.“

Wenn ich Marcel Proust so über die Literatur und die Kunst philosophieren lese, dann erinnere ich mich daran, dass der erste Band der "Recherche" ("Auf der Suche nach der verlorenen Zeit") in meinem gerade erst aufgebauten Billy-Regal steht und ich verfluche alle Bücher, die ich vorher lesen möchte. Großartig!