"Dressed To Kill"

Es war nicht schwer zu finden, das Kreiswehrersatzamt lag direkt an einer Stadtbahnhaltestelle in einem Industriegebiet. Ich war relativ früh da, doch einige junge Leute, um die zehn oder fünfzehn, warteten schon. Ein älterer Mann um die 60 empfing mich, gab mir eine rote Mappe und streichte mich auf der Liste der zu Musternden als anwesend ab. Er stellte mir den Kontaktsoldat vor. Er hatte ein bundeswehrgrünes Schild angenäht, auf dem "Freitag" stand. Ich wollte ihm sagen, dass heute Montag war, unterließ es allerdings. Der ältere Mann schien heimlich eine Beere vom Strauch der übernatürlichen Freundlichkeit genascht zu haben. "Ja, Herr Heuer." - "Vielen Dank, Herr Heuer." - "Einmal Platz nehmen, Herr Heuer."

Ich nahm Platz und sah mir die rote Mappe an. In ihr befand sich eine Art Ablaufplan der Musterung. Als ich sie durchgelesen hatte, sah ich mich um. Zwischendurch wurden immer wieder einige der Jungen aufgerufen ("Hackelmeier! Hackelmeier! Hack-el-mei-er!!" - "Komme, komme.") und trotteten mit gesenkten Köpfen einem davonstratzenden Personalmenschen hinterher. Bei mir dauerte es dreißig Minuten, bis eine nette Frau mit blonden Namen mich aufrief. Wir kontrollierten meine Daten und sie stellte die berüchtigte Fragen "Zivildienst oder Bundeswehr", die ich natürlich mit "Bundeswehr" beantwortet. Relativ schnell war ich aus ihrem Raum wieder draußen und ging in den Labortrakt.

Spind aufgeschlossen, schnell umgezogen und neben den anderen Wartenden gesetzt. Ich saß nicht lange, da wurde ich mit einem anderen Jungen aufgerufen. Uns wurde der Weg zur Toilette gewiesen und da standen wir nun. Becher mit Namen in der Hand, Hose heruntergelassen. Gerade als die Peinlichkeit des Nebeneinanderstehend in der Toilette bei der Urinprobe am Größten war, fragte ich, ob er wisse, wie voll wir den Becher machen mussten. Nein, er wüsste es auch nicht. Gut, dachte ich mir, jedenfalls ist die Anonymität gebrochen. Als wir endlich meinten, eine adequate Fülle erreicht zu haben, gingen wir zum Arztzimmer. Dort stellten wir die Becher auf einen Tisch, der schon voll von allerlei anderen Proben war. Mein Miturinprobant wurde zuerst gewogen und vermessen und gab seine Atteste ab. Dann war ich dran. Die Assistentin war echt heiß, puh, ja, das habe ich mir gemerkt. Als wir gemessen und gewogen waren, gingen wir wieder zurück zum Warteraum in der Umkleide.

Mir gegenüber saß ein junger Mann, auf dessem T-Shirt ein Gewehr mit dem Schriftzug "Dressed to Kill" abgebildet war. Die Assistentin kam von Zeit zu Zeit und rief einige andere zur Urinprobe.  Manche kamen auch wieder, da klappte es nicht auf Anhieb. Kann ich verstehen. Nach einer weiteren halben Stunde hörte ich dann endlich den Namen "Heuer" und während ich noch trauerte, die scharfe Arzthelferin nie wieder zu sehen, saß ich im Büro eines männlichen Arztes. Er stellte mir einige Fragen zu Vorerkrankungen und Medikamenten und prompt kamen wir auf meinen Rücken zu sprechen, wegen dem ich auch einige Atteste eingereicht hatten. Ich musste mich oben herum freimachen und er machte einige Übungen mit mir. Auch Fragen wurden gestellt. "Ja, dann nehmen wir Sie raus.", meinte er irgendwann. Ich versuchte, meine Miene nicht zu verändern und ich glaube, es gelang mir auch.

Dann ging alles ganz schnell. Ich wurde schon relativ früh für nicht wehrdienstfähig befunden und musste mir den Bescheid nur noch gedruckt abholen. Wieder zu dem Mann vom Anfang und noch eine Bescheinigung für die Schule geholt - das war's. Bin froh, dass ich den schlimmsten Teil übersprungen habe...

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Posted 8 months ago
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Comments (2)

Nov 16, 2009
Malte said...
Mal wieder alles was eine guter Blogbeitrag brauch: Spannung, Witz, gute Beobachtungsgabe und Direktheit.

Ich denke gerade schmunzelnd an meine Musterung zurück.

Nov 16, 2009
Olivier said...
Wobei die BW Dich als embedded Blogger ganz gut gebraucht hätte...
Werde mal dem Guttenberg diesen Link zukommen lassen. Vielleicht ja noch was. :-)

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