Posterous theme by Cory Watilo

Die Melancholie der Kleinstadt

Wäre die Kleinstadt ein Wort, sie wäre sicherlich die "Melancholie". Beobachtungen bei einem Spaziergang.

Alle Jahre wieder bist du in der Stadt, in der du aufwuchst. An die du so viele schöne Erinnerungen hast: die ersten Freunde, die Schulzeit, Erfahrungen mit der Liebe. Doch wenn du dann durch die Stadt gehst, merkst du, dass sich diese Erinnerungen in deinem Kopf verändert haben. Sie sind, je öfter du darüber nachdachtest, andere Erinnerungen geworden. Die Orte sind bunter, die Personen sehen besser aus: alles wurde zu Superlativen. Die Realität holt dich ein, wenn du an einem Montag Nachmittag durch die verlassenen Straßen der Kleinstadt. deiner Kleinstadt, gehst und dich fühlst wie ein Ameisenforscher, der das Treiben zwar versteht, aber doch nie eine Ameise sein wird.

Das Wetter verfärbt die Stadt in den tristen, depressiven Farben eines Mike-Leigh-Films. Kaum aus dem Haus, tönen von irgendwo her Trommelschläge. So sicher ich mir im ersten Moment bin, dass es sich dabei um nichts anderes handeln konnte, so unsicher bin ich mir im zweiten. Es hämmert jemand, wird mir bewusst. Die Straßen sind wie ausgestorben, alles erinnert an eine hereinbrechende oder bereits begonnene Apokalypse. Ein Hund bellt verzweifelt. Mit welchem Sinn?

Immer wenn ich an den wenigen Personen vorbeigehe, denen ich begegne, fühle ich mich wie ein Amnesie-Kranker: ich glaube, dass mich die Menschen erkennen, ich sie allerdings nicht. Hinter den Fassaden der Einfamilienhäuser warten sie auf den Tod, schießt es mir durch den Kopf. Wind fegt die ersten Blätter über die Straße. An ihrem Ende stehen drei Männer. Sie blicken mich ungläubig an, als ich näher komme. Doch bevor diese Situation zu einer werden kann, biege in einen kleinen Weg ab.

Kleinstadt ist dort, wo "Alles beim Alten." eine positive Aussage ist. Ich habe mich verändert, doch diese Stadt ist gleich.

Nett sein.

Es gibt keine schwierigeren Menschen als solche, die es für selbstverständlich erachten, dass man nett zu ihnen ist. Ich spreche aus Erfahrung.

Vielmehr sollten alle Menschen dankbar sein, wenn jemand mehr für sie tut, als er (gesellschaftlich) muss. Ich habe mir dazu einige Gedanken gemacht und bin auf drei Formen der Nettigkeit gestoßen:

Zum Ersten die, die wir in Bars bei Barkeepern sehen, die uns anlächeln, da sie sich ein höheres Trinkgeld erhoffen. Und bei Verkäufern auf einem Jahrmarkt, die uns schmeicheln wollen, damit wir eher gewillt sind, ihre gefälschten Waren zu erstehen. Das ist die Nettigkeit, die etwas will, etwas fordert. Es ist eine heuchlerische Nettigkeit, denn die Person will damit etwas erreichen und bewirken. Etwa einen Verkauf oder einen sonstigen Vorteil, ob gesellschaftlich oder materiell. Es ist die Form der Nettigkeit, die täuscht. Hier jedoch freuen wir uns darüber, dass man uns an dieser Stelle so behandelt. Im Gegensatz zur nächsten Form.

Denn dann gibt es die zweite Form: gesellschaftlich verlangtes Nettsein. Hier wird von uns Nettigkeit erfordert. Einem völlig Fremden etwa eine Zigarette zu schenken oder ihm den Weg zu erklären gehört in diese zweite Kategorie. Es wird von uns verlangt, dass wir hilfsbereit sind. Hier gibt es nicht die Person, die mit ihrer Nettigkeit etwas möchte, sondern uns, die wir zu Nettigkeit gedrängt werden. Viele von uns tun das natürlich nicht (nur) aus gesellschaftlichem Zwang heraus, doch im Grunde ist es genau das. Wie würde es ankommen, wenn man die angefragte Zigarette nicht abgibt? Stattdessen verschenkt man sie, obwohl man innerlichen Widerwillen dagegen hegt. Oder wie würde jemand reagieren, wenn der Gegenüber auf die Frage nach dem Weg mit "Möchte ich dir nicht sagen." antwortet?

Zum Schluss kommen wir zur einzig wahren Form des Nettseins: die Nettigkeit, die nichts verlangt. Wenn du einem guten Freund einen Gefallen tust, weil du ihn gerne hast und ihm sein Leben erleichtern willst (die schönste Definition von Freundschaft ist übrigens: "Der Sinn meines Lebens ist, meinen Freunden das ihre leichter zu machen."). Hier handelt die Person nicht daraus, weil sie sich etwas dadurch erhofft, dass sie nett ist.

Dockville - Tag drei // Und ein Fazit

Für Sonntag war Regen angesagt. Und auch als ich aus dem Fenster sah, um zu schauen, wie ich mich für diesen Tag einkleide: nichts als Regen. Also die bunte adidas-Regenjacke übergezogen und auf. In Veddel mit Caro und Chrissi getroffen.

Bereits auf dem Hinweg strömten und schon Heerscharen an Abreisenden entgegen. An der S-Bahnstation Veddel standen bereits zurückgelassene Schuhe herum. Anhand der Menschenmassen ahnten wir, dass heute der Platz noch matschiger sein würde als an den beiden Tagen zuvor.

Angekommen, regnete es schon heftig. Wir sahen uns zuerst die deutschsprachige Band "Spaceman Spiff" an, deren Name auf einer Figur aus Calvin and Hobbes basiert. Es begann heftig zu regnen, sodass wir uns an einem Bierrondell unterstellten. Was generell bescheuert ist bei Festivals: Regenschirme. Denn dadurch sieht niemand mehr etwas von der Bühne. Also, liebe Festivalgänger: im nächsten Jahr lieber eine Regenjacke mehr als einen bescheuerten Riesenregenschirm.

Anschließend spielten "Noah and the Whale" auf der Hauptbühne. Gerade als sie begonnen hatten, brach der Himmel auf und Sonnenstrahlen kamen hervor - die leider vorerst letzten des Tages. Nachdem wir uns wieder zur rettenden Arche - erneut einem Bierrondell - gerettet hatten, genossen wir die Band. Anschließend spielten Edward Sharpe & The Magnetic Zeros, die besonders durch ihren Song Home ("Home is wherever I'm with you") die Menge begeisterten.

Den Tag für mich rundeten "The Pain of Being Pure at Heart" ab. Ich glaube allerdings, dass ich die Bands mehr genossen hätte, wäre nicht der Regen in meiner Gefühlswelt nicht zu jeder Zeit da gewesen. Während gerade die Herzreinen spielten, kam auf einmal von weiter hinten der Geruch von Feuer. Menschen strömen in die Richtung. Keiner weiß genau, was los ist. Nachdem im letzten Jahr versehentlich etwas brannte, gehen die Spekulationen los. Doch die Feuerwehr steht daneben. Zwar brennt ein ganzes Haus, doch niemand löscht und Menschen stehen sehr nah und schießen Fotos. Es ist eine bizarre Situation. Ziemlich bescheuerte Aktion, wenn es gewollt gewesen ist.

Fazit

Hervorragendes Festival, manchmal ziemlich desinformiert und teilweise schlampig organisiert. Im Großen und Ganzen allerdings sehr schöne drei Tage, besonders da am Samstag ja die Sonne schien und natürlich, da Casper spielte. Kommen wir also zu meinen Highlights (neben den Erlebnissen mit den großartigen Menschen, mit denen ich da war und die ich getroffen habe): Casper, Editors und Kakkmaddafakka. Casper und Editors waren klar, ich mag sie einfach, es sind tolle Künstler. Kakkmaddafakka hat mich durch eine atemberaubende Bühnenshow beeindruckt, die sie am Samstag hingelegt haben.

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Dockville - Tag zwei

Am Samstag war ich mit Shawty, Carolin und Chrissi auf dem Dockville. Es war Sonne angekündigt, also ließ ich die Regenjacke ganz zuhause. Eine hervorragende Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte, denn den ganzen Tag über schien die Sonne.

Gegen drei Uhr waren wir da. Heute gab es keine Schlange vor dem Ticketzelt, doch der Weg dahin war matschiger als noch am Tag zuvor. Allerdings hatten auf dem Gelände selbst die Veranstalter etwas gegen die Umstände getan: Neben Stroh an einigen Stellen gab es nun kleine Steinchen an den Wegen und am Platz vor der Hauptbühne. Hier muss man ein Lob aussprechen, denn da hat eindeutig jemand gearbeitet. Auch herrlich, dass die gestern noch gesperrte Bühne "Maschinenraum" (in einem Zirkuszelt) wieder bespielbar war, sodass es im Gegensatz zum gestrigen Tag heute nur geringfügige Änderungen im Timetable gab.

Am Samstag sah ich mir zum ersten Mal das Festivalgelände an: die Baumhäuser, die einzelnen Bühnen, die versteckten Ecken, den Wald, das "Nest" (Tanzen zu Elektro). Ziemlich gut. Beeindruckt hat mich Kakkmaddafakka. Die verrückten Norweger lieferten einen der besten Auftritte ab. Nicht nur, dass sie teilweise im Bademantel oder in Boxershorts auftragen, zu ihrem Ensemble gehörten auch zwei Tänzer, die Moves ganz im Neunziger-Jahre-Stil vorgaben. Eine riesige Fahne wurde geschwenkt.

Absoluter Höhepunkt der beiden Festivaltage war - für mich und Shawty jedenfalls - der Auftritt von Casper, auf den wir seit Wochen hingefiebert hatten. Etwas nervig war, dass nicht nur neben uns die gesamte Zeit zwei hühnenhafte Kerle gekifft haben, sondern auch, dass wir sogar schräg dafür angeschaut worden sind, die Texte mitzurappen. "So perfekt" hingegen konnte sie alle. Und der Klassiker trat leider auch wieder ein: Bei dem sehr emotionalen Track "Michael X" klatschten einige Besucher mit, trotz Caspers mehrfacher Aufforderung. Von ihm wurde das nicht nur mit bösen Blicken bestraft. Nichtsdestotrotz rockte Casper wie kein zweiter.

Danach ruhten wir uns erst einmal in der L&M Lounge aus, die uns zwar Zigaretten andrehen wollten, dafür aber herrliche Stühle zum Chillout bereitstehen hatten. Der Abschluss des Abends war Santigold, die leider in aller Hinsicht enttäuschte. Nicht nur, dass es ihr nicht bekannt war, der wievielte Festivaltag denn war ("Is this the first day? Ya? No, second? Hahahaha."), die Musikerin wirkte auch extrem arrogant. Auf die Frage, wer denn ihr Album kenne, gab es nur wenige Rufe, was sie mit "Oh, like five" in sehr abfälligem Ton kommentierte. Auch musikalisch war sie der aktuellen Stimmung nicht angemessen. Santigold spielte ihre Songs nur an und nicht zu Ende, meinte Shawty hinterher.

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Dockville - Tag eins

Dockville. Mein erstes Festival, zwar ein Stadtfestival, aber davon sollte ich mich nicht abschrecken lassen. Ich fuhr am Freitag mit Inken und zwei ihrer Freunde gegen 19 Uhr hin. Vom S-Bahnhof Veddel aus waren Shuttlebusse organisiert: zwei Euro für Hin- und Rückfahrt. Sehr gesittet organisiert, nach nicht mehr als zehn Minuten waren wir auf dem Gelände. Durch einen abgezäunten Gang schlossen wir zu einem breiten Knäul von Leuten auf, die ziemlich desorientiert herumstanden. Später sollten wir sehen, dass sich hier viele Menschen versuchten, durch ein kleines Nadelöhr am Ende zu quetschen, was natürlich nicht nur durch den großen Ansturm an Festivalgängern erschwert wurde, sondern auch dadurch, dass man hier bereits die Anfänge des uns schon zuvor bekannten Matschproblems erleben sollten.

Nachdem das erste Nadelohr nach ungefähr einer halben Stunde gemeistert war, gingen wir einen nun schon matschigeren schmalen, von Bauzäunen begrenzten Weg lang, der uns wiederum abermals zu einer Menschenansammlung führte, die sich vor dem schmalen Eingang in ein weißes Zelt gebildet hatte. Nach einer weiteren halbstündigen Wartezeit sind wir drin. Karte vorzeigen, Bändchen bekommen und drin. Die ersten SMS geschrieben, um sich mit anderen Besuchern zu treffen. Orientieren bei Schummerlicht. Zur Hauptbühne, dort kann es nie falsch sein.

Johnossi spielten. Wir bekamen allerdings nicht viel mit, da wir eine halbe Stunde am Bierrondell standen. Doch das, was ich höre, ist hervorragend. Weiter SMS geschrieben. Treffpunkte vereinbart, Treffen verpasst. Kurzum: Leute auf dem Dockville zu finden, war schwierig. Mehrmals kamen kleine Festivalmädchen mit gekräuselten Haaren, irgendeinem Glitzerzeug unter den Augen, Schlabberoutfit der neunziger Jahre (zerrissene Hot Pants sind wichtig und die Strumpfhose darf nicht neu sein) und natürlich Feenflügelchen - diese sind schließlich das Wichtigste - auf mich zu und fragten: "Hast du meine Freunde gesehen?". Ich hätte gerne geantwortet: "Ja, Joey steht dort hinten, direkt neben Isabell, die gerade ihren Marzipan-Crèpes isst. Und sag mal, ist das Jan, der da gerade seine Zunge in Farina versenkt. Wusste gar nicht, dass die was miteinander haben.". Lasse es aber dann und sage: "Woher soll ich wissen, wie deine Freunde aussehen?" Die Mädchen ziehen weiter. Seltsam.

Nachdem wir es aufgegeben hatten, irgendwen finden zu wollen (ich sende eine SMS: "Ich bin irgendwo. Bist du auch irgendwo?"), traf ich dann doch noch eine ehemalige Arbeitskollegin. Die Editors beginnen. Wir gehen weiter nach vorne. Irgendwann ist sie im Gewusel verschwunden. Ich genieße die Editors, soweit es möglich ist, etwas zu genießen, während man von angetrunkenen pubertären Hüpfeaffen angerempelt wird. Alle küssten sich. Wohl auch irgendwelche Fremden. Jedenfalls küssten sich alle. Die Editors haben gerockt.
Nachdem mir auf dem Hinweg noch im Barmbek die Kamera heruntergefallen war und ein Teil des Objektivs absplitterte, saß die Linsenkappe nur noch wackelig. Wie es kommen musste, verlor ich sie im Matsch. Dafür brachte ich 700 Fotos mit nachhause, von denen ich allerdings durch einen iPhoto-Abstürz, der sich ereignete, während ich beim Import die Funktion "Nach Import löschen" auswählte, die Hälfte verlor. Nun gut, gibt ja noch zwei Tage, an denen ich Fotos machen kann. (Einige typische Festivalbilder gibt es unten. Morgen will ich, bei gutem Licht, mal die stillen Seiten des Festivals ablichten.)
Nachdem das Highlight des Tages für viele erreicht und ihr Geduldszenit nicht nur überschritten, sondern niedergetrampelt war, machte sich ein Großteil der noch vor der Hauptbühne befindlichen Musikliebhaber auf dem Heimweg oder den Gang in die Zelte. Wir blieben. Kollektiv Turmstraße. Als "gehen richtig ab" angekündigt, legte die Kollektive allerdings einen falschen Gang ein und konnten nicht einmal mit der Pausenmusik mithalten. Passte nicht zur Stimmung, war zu loungig, zu chill-out. Doch es sollte ja ein persönliches Highlight folgen: Hundreds. Das deutsche "The XX".

Mit einer phänomenalen Intro-Show kamen sie auf die Bühne. Doch relativ schnell war ich enttäuscht: natürlich wusste ich, dass mich leichte Töne erwarten, doch neben der über den gesamten Zeitraum herausragenden Performance und Show ließ die Musik leider zu wünschen übrig. Abgesehen davon, dass sie meine zwei Lieblingssongs "Solace" und "Machine" nicht spielten, waren die Töne ungewohnt un-Electro. Piano stattdessen. Fand ich unangemessen.

Also das Resultat des ersten Tages: Läuft. Außer das Wasser, das läuft nicht (ab). Hoffentlich haben sie am Samstag eine Lösung gefunden. Meine Matschhose habe ich auf definitiv dabei. Und Fleckenzwerge sind vermutlich auch wieder mit dabei.

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Der perfekte Moment.

Eine alte Eisenbahnbrücke. Es riecht leicht nach Urin. Der Moment ist so unvollkommen, dass er schon wieder vollkommen ist, denn manchmal liegt Perfektion gerade darin, dass etwas nicht ganz perfekt ist. Dass man sich erlauben kann, schöne Dinge in imperfekten Momenten zu sagen.

Denn dann ist der Moment rein, die Gefühle sind nicht betrunken oder geblendet von den Umständen. Von einem schönen Sonnenuntergang, einem leckeren Essen, von den Sternen. Sondern allein von einigen Tonnen Stahl, die über unseren Köpfen hinwegziehen. Eine Bahn rattert darüber.

Es war, als hätte mein Unterbewusstsein nur auf diesen Moment gelauert. Um die volle Schrecklichkeit zu erfassen, die in diesem winzigen Augenblick saß. Und die Schönheit in der Hässlichkeit.