Posterous theme by Cory Watilo

Als eine Frau im Zug bewusstlos wurde und (fast) niemand etwas tat

Am Freitag Morgen ist hinter mir im Zug eine Frau bewusstlos zusammengesackt. Ich habe es nicht direkt gesehen und dachte erst aufgrund komischer keuchender fast bellender Geräusche, jemand wäre einem Hund auf den Schwanz getreten. Also drehte ich mich um und sah, dass hinter dem Glas, das meinen Sitz vom Gang und den Türen trennte, ein Halbkreis gebildet wurde. Ich konnte den Boden nicht sehen, nur die ängstlichen Blicke der anderen Mitfahrenden. Jemand schrie: "Die Frau ist bewusstlos", ein anderer fragte: "Was sollen wir tun?". Doch niemand tat etwas. Ich war in meinem Sitz eingequetscht zwischen anderen Fahrgästen und versuchte, meine einige Jahre zurückliegende Erste-Hilfe-Stunde aus den Untifen meines Gedächtnisses herzukramen, doch es gelang mir nicht. Schließlich, nachdem eine kleine Panik in Schreien und Worten ausgebrochen war, drehte sich die neben mir sitzende Frau um; sie konnte den Boden sehen. Sofort stand sie auf und dirigierte die anderen. Einer solle dem Zugführer Bescheid geben, sodass er in der nächsten Station anhalte. Zusammen mit einigen anderen Personen wurde die Bewusstlose auf die Seite gedreht. Als der Zugführer gerufen wurde, wir in der nächsten Haltestelle anhielten, kam die Frau wieder zu sich. Der Zuführer kam zu uns geeilt. Den außerplanmäßigen Halt nutzten einige Fahrgäste aus, um zu rauchen, andere stiegen aus unserem Teil des Zuges aus und ich konnte sehen, wie sie weiter vorne wieder einstiegen. Ich selbst saß ein wenig niedergeschlagen da. Niedergeschlagen deshalb, weil ich nicht helfen konnte und weil ich Angst hatte, mehr falsch als richtig zu machen. Der Notarztwagen wurde gerufen, der Zugführer machte eine Durchsage, dass sich unsere Weiterfahrt verzögerte. Eine Frau unweit von mir rief ihre Freundin an, dass sie später kommt. Währenddessen wird die gerade noch Bewusstlose aufgerichtet und neben mir auf den freien Platz bugsiert. Ich gebe zu, dass ich Angst hatte, dass sie wieder ohnmächtig wird und ich als Nebensitzender Erste Hilfe leisten müsste. Ich hatte Angst davor, überfordert zu sein. Der Notarzt kam, die Frau wurde aus dem Zug geführt, der seine Weiterfahrt fortsetzen konnte.

Ich finde es traurig, dass ich nichts getan habe. Ich habe mich auf die anderen verlassen. Ich war passiv und nicht aktiv. Doch ich war nicht alleine. Und genau das, dieses "Ich bin ja nicht der einzige, der nichts tut"-Denken ist es, was man aus seinem Kopf wegbekommen muss. Daran muss ich arbeiten.

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