Wie Digital Natives das Leben der Zukunft bestimmen werden

10.08.08

Kategorie: Essay, Journalistisches

Digital Natives sind durch die verschiedensten Möglichkeiten und Tools weit miteinander vernetzt — sei es StudiVZ oder SchülerVZ, sei es MSN oder ICQ. Die Jugendlichen von heute nutzen diese Dienste ganz selbstverständlich. Sie laden Bilder hoch, kommentieren sich gegenseitig auf ihren Gästebüchern, füllen bereitwillig die Profildaten aus und machen neue Freunde online. Doch es birgt auch Gefahren, seine intimsten Geheimnisse einer großen Menschengruppe online preiszugeben. Immer öfter lesen Personalentscheider mit, was die zukünftigen Mitarbeiter online treiben. Privatbilder von Saufgelagen oder sonstige obzöne Gesten können extrem kontraproduktiv wirken. Inwiefern Bewerber tatsächlich aufgrund ihrer Bilder bei Social Networks nicht eingestellt wurden, das vermögen wohl nur die Personal-Leute selbst zu sagen.

Jugendliche haben ein verändertes Verständnis von vielen Dingen. Ihnen ist das Copyright weitesgehend fremd. Sie verstehen nicht, weshalb es verwerflich sein soll, einen Text online zu kopieren, auszudrucken und dem Lehrer vorzulegen. Sie bezahlen weder für Musik aus dem Internet, noch gehen sie oft ins Kino. Die Musik kommt von einer der dutzenden Filesharing-Anbieter, die Filme brennen sie sich untereinander. Eine Tausch-Kultur hat sich bei den Jugendlichen etabliert. Daten die sie nicht anfassen können, sollten frei sein. Der Gang in die Bücherei beispielsweise wird nur noch getätigt, wenn es unbedingt sein muss. An Informationen online heranzukommen ist schließlich einfacher, als in Karteiregistern in einer Bücherei danach zu suchen.

Über Handy, Social Network und Messenger sind Digital Natives mir ihren Freunden jederzeit vernetzt. Ein Handyentzug wäre für sie, als würde man den Eltern den wichtigen Führerschein entziehen. Sie tippen SMS, sie telefonieren, sie gehen online, spielen Songs ab und tauschen gegenseitig eben jene. Das Handy ist ein multifunktionaler Alleskönner und aus dem Leben der Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Ob als Taschenrechner im Mathematik-Unterricht oder als MP3-Player während der Pause, das Handy ist auch in der Schule angekommen. Lehrer müssen sich außerdem auf Cyberbullying einstellen, also das Knipsen von Fotos oder Erstellen von Videos der Lehrer oder Mitschüler. Diese Form des Mobbing kann über die Schule hinaus gehen und die betroffenen Jugendlichen oder Lehrer bis nach Hause begleiten. Die Möglichkeiten der Tausch-Gesellschaft machen eine Verhinderung der Verbreitung quasi unmöglich — Bluetooth und das mobile Internet helfen bei der schnellen Streuung der Inhalte.

Wir Digital Natives lesen auch weniger Tageszeitungen als die Erwachsenen. Für uns relevante Nachrichten und Informationen bekommen wir online. Um jemanden zu kontaktieren versenden Digital Natives statt einer E-Mail lieber eine StudiVZ-Nachricht. E-Mail-Adresse sind nur dazu da, um sich bei den unzähligen Social Networks und Gaming-Seiten anzumelden oder gegebenenfalls einer älteren Person eine Nachricht zukommen zu lassen, die für StudiVZ zu alt ist. Sprich: E-Mails spielen in der Kommunikation so gut wie keine Rolle.

Das Internet ist für sie etwas, dass einfach da ist, sobald sie ihre Rechner einfahren. Eventuell kennen sie auch noch das “ins Internet gehen”, das mit quietschenden Modemgeräuschenm verbunden war. Dank flächendeckenden Breitbandanschlüssen gehört das in die Vergangenheit. Sobald man den Rechner hochfährt, ist das Internet einfach da. Es gehört dazu wie die Maus, wie die Tastatur und wie der Bildschirm.

In Zukunft werden sie in das Arbeitsleben einsteigen oder sind es bereits. Ihre Abeitgeber müssen sich darauf einstellen, dass eine gesamte Generation die Dinge anders tut — digital tut. Sie werden die Arbeit der Zukunft beeinflussen und wandeln, denn sie haben Enterprise 2.0 im Blut.

Alle weiteren Informationen dazu, wie denn nun Digital Natives ticken, kann man einem englischsprachigen Artikel entnehmen, den ich für den Harvard Digital Natives Blog geschrieben habe. Außerdem speichere ich mir interessante Links auch unter dem Bookmark “teensimweb” ab.

15 Antworten bei “Wie Digital Natives das Leben der Zukunft bestimmen werden”

  1. Cem Basman

    Ich finde den Ausdruck “Smart Mobs” für Digital Natives aus sehr schön… Hat etwas wildes und anarchistisches :-)

  2. Kathrin

    Hallo Timo!

    Ich bin auf der Suche nach Infos über die Digital-Natives (mal wieder) auf deinen Weblog gestoßen. In den meisten Punkten stimme ich dir zu. Aber meinst du wirklich, dass die Digital Natives weniger E-Mails versenden? Das hat mich doch verwundert. Denn immerhin haben die meisten Digital Natives eine E-Mail-Adresse. Sonst könnten sie doch auch die Benachrichtigungen nicht bekommen, dass sie im Studi (etc.) eine neue Nachricht haben. So gesehen, wäre eine direkte E-Mail-Kommunikation sogar einfacher, oder?

    Liebe Grüße, Kathrin

  3. Timo Heuer

    Ja, ich kenne niemanden in meinem Freundeskreis, der E-Mails verschickt. Die senden einander StudiVZ-Nachrichten oder SMS. Ich habe ja erwähnt, dass alle eine E-Mail-Adresse haben (zum Zwecke der Anmeldung), Benachrichtigungen sind ihnen per E-Mail egal, denn was sich geändert hat können Sie ja direkt im StudiVZ ansehen.

  4. Thomas

    Sie bezahlen weder für Musik aus dem Internet, noch gehen sie oft ins Kino. Die Musik kommt von einer der dutzenden Filesharing-Anbieter, die Filme brennen sie sich untereinander. Eine Tausch-Kultur hat sich bei den Jugendlichen etabliert. Daten die sie nicht anfassen können, sollten frei sein.

    Ein grossartiger Artikel! Mich interessiert, bezogen auf das obige Zitat, wie die Jugendlichen zu Alternativen wie Creative Commons stehen? Ist das auch zuviel Beschraenkung oder wird es als fairer Tausch empfunden?

  5. Timo Heuer

    Hallo Thomas. Da kann ich leider nur für mich selbst sprechen. Ich finde es eine sehr sehr gute Idee. Wie Jugendliche allgemein darüber denken, kann ich dir eventuell am 17.10. sagen - dann wird ein Digital Natives Open Space stattfinden.

  6. Thomas

    Wunderbar, wuerde mich sehr interessieren. Und noch eine weitere Frage; vielleicht kannst Du sie auch unterbringen:

    Wenn einer der DNatives selbst ein Werk erstellt, zB Bild, Foto, Website oder Text, hat er keine Probleme damit, dass andere es nutzen? D.h. ist dieses Verstaendnis des freien Kopierens beidseitig oder gilt es nur fuers Nehmen?

  7. Timo Heuer

    Guter Einwand. Die meisten haben kein Problem damit. Erstellte Bilder werden auch weiterverbreitet, Remixe von Musikstrücken ebenfalls selbst verteilt. Wenn es den anderen gefällt, bekommt man ja auch Anerkennung zurück.

  8. Rob Vegas

    Ich habe schon oft über diesen Vorgang nachgedacht und beobachte gerne die jüngeren Leute beim Umgang mit dem Internet.

    Die haben aber mitunter auch sehr viel drauf. Meine erste Homepage habe ich mit Frontpage 98 gefrickelt und die 13jährigen schreiben sich da gerade mal eine Clanseite in PHP mit Notepad.

    Generell wird es spannend zu sehen wie das Internet die jungen Leute verändert. Vielleicht arbeiten wir alle irgendwann virtuell mit virtuellem Geld (Credits) bei virtuellen Diensten ?

    Früher war man Lagerarbeiter, heute Community-Support. Stumpf Mails schreiben. Krasse Entwicklung!

  9. Matthias

    die 13jährigen schreiben sich da gerade mal eine Clanseite in PHP mit Notepad

    Vorwiegend werden leider Baukasten-Dienste wie Oyla genutzt; die Jugendlichen, die sich wirklich mit dem Programmieren auseinandersetzen, sind eine Seltenheit. Der Artikel untermalt das ganze: Es ist relativ egal wie es funktioniert, Hauptsache es tut seinen Dienst. Der schnellste Weg soll zum Ziel führen, ein weiterer Grund, warum Fotos einfach kopiert werden. Kostenlos und schnell - Das wird gewünscht.

    Ich selber war und bin in Foren aktiv, in denen sich sehr viele Jugendliche rumtreiben - Schaut man in die Kategorie “Homepage vorstellen”, wird meistens auf Baukastenseiten verwiesen. Die Inhalte: Kopierte Bilder von Stars und (eigentlich geschützte) Musik kostenlos zum Downlod.

  10. Timo Heuer

    Ja, stimmt. Die meisten Jugendlichen sind eher die “Je einfacher, desto besser”-Typen und nehmen Oyla - aber das geht mit der Verbreitung von StudiVZ stark zurück, glaube ich. Es gibt natürlich auch die Hardcore Nerds unter den Jugendlichen, die alles selbst programmieren. Aber ich glaube das sind die Ausnahmen.

  11. Julian Hähnel

    Die “Jugend von heute”, macht sich stark abhängig von Portalen wie dem SchuelerVZ oder anderem. Gespräche finden sowieso auch nur noch über Messenger statt, und so kann man einfach nicht vernünftig reden. Achja und gibt es eigentlich noch den guten alten Liebesbrief in Zeiten des Internets??

    Naja das ist ja auch egal. Sehr schöner und wahrer Artikel ;)

  12. Söan

    Da es es diese starke Nutzung des Internets erst seit ein paar Jahren gibt, würde es mich interessieren wie Jugendliche das Internet in 5 oder gar in 10 Jahren nutzen.
    Ob es einfach in der Natur der Jugendlichen liegt, nicht so stark auf Datenschutz und Urheberrechte zu achten oder ob man daraus “lernt”. Wie lange werden die Gesetzte der “analogen” Gesellschaft noch überleben?

    Schöner Artikel, du hast die Zustand treffend beschrieben.

  13. Timo Heuer

    Da hast du Recht, das würde mich auch interessieren. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich bin zwar ein Verfechter des Datenschutzes, nehme es aber oft auch nicht so genau. Bei aller Diskussion über “Ihr vertraut doch eh alles den Social Networks an, dann könnt ihr es doch mir auch sagen” (sinngemäß Schäuble), finde ich es doch einen Unterschied, ob man die Angaben freiwillig macht oder dazu gezwungen wird. Die Urheberrechtsgesetze werden sich in naher Zukunft radikal ändern, denke ich. Die Plattenfirmen erkennen entweder, dass sie so nicht überleben können oder sie sterben. Wozu braucht man sie in einer Welt, in der Musik eh aus dem Netz kommt und die kleineren Bands, die in Hinterhöfen spielen, trotzdem so klasse Musik abliefern, dass sie immer mehr Fans gewinnen. Ich denke in der Musiklandschaft wird sich einiges umstellen…

  14. Helge Städtler » Blog Archiv » Ich bin kein “Digital Native”. - Thetawelle

    […] letzter Zeit ist mir immer häufiger der Begriff des “Digital Native” begegnet, z.B. in einem Text von Marc Prensky (als PDF). Ich habe mich immer gefragt, was das […]

  15. Digital Natives - wir sind die Generation”unzuverlässig” | Mobile Zeitgeist

    […] existiert bereits eine Liste an Eigenschaften die man dieser Generation zuschreiben will. Achtung, es liest sich fast schon wie ein Horoskop. […]

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